Grüne Woche wirft Bio-Schatten voraus

Frankfurt/Deutschland - Die Internationale Grüne Woche wirft ihre Schatten voraus. Sie wird am kommenden Donnerstagabend vom deutschen Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer eröffnet. Auch in diesem Jahr wird der Boom bei Bioprodukten wieder eine große Rolle spielen. Die Preisexplosionen im vergangenen Jahr haben der Branche nicht geschadet - im Gegenteil, wie Bioland/Deutschland-Präsident Thomas Dosch im Gespräch mit Daniel Rademacher erklärt.

Herr Dosch, die Grüne Woche steht vor der Tür. Was sind Ihre Erwartungen?

Dosch: Die ganze Welt ist zu Gast auf der Grünen Woche. Wir hatten im vergangenen Jahr eine kleine Bio-Halle, und das Interesse war riesig. Dieses Mal haben wir die Ausstellungsfläche nochmal verdoppelt. Die Messe ist froh, dass sie uns hat. Das zeigt auch, dass die Verbraucher sehr an Bio interessiert sind.

Aber dabei allein wird es doch nicht bleiben. Es geht ja auch um knallharte Politik?

Dosch: Wir sehen die Grüne Woche natürlich auch als agrarpolitisches Forum. Die EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel wird da sein und natürlich auch Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer. Eines der wichtigsten Themen wird der so genannte Gesundheitscheck der EU-Agrarpolitik sein. Hier wird darüber gesprochen werden, wie sich Beschlüsse zur EU-Agrarpolitik für die Agrarwirtschaft und Steuerzahler auswirken. In der Reform-Frage sind wir uns in vielen Punkten mit der Agrarkommissarin einig. Das betrifft ihre Ansätze, stärker in Umweltschutz und gesellschaftliche Leistungen der Landwirte und ländliche Entwicklung zu investieren.

Anders sieht es mit der Politik der Bundesregierung aus, die Wein predigt und Wasser einschenken will. Die immer wieder versprochene Verlässlichkeit in der Agrarpolitik gilt nach Vorstellungen der Bundesregierung und vor allem der Bundesländer offensichtlich nicht für jene Betriebe, die in Umweltleistungen, Biodiversität, sauberes Wasser oder Klimaschutz investieren. Sonst würde Horst Seehofer nicht erbitterten Widerstand gegen die Vorschläge der EU-Agrarkommissarin ankündigen. Das wollen wir thematisieren und der Öffentlichkeit darstellen.

Die allgemeine Preissteigerung war eines der Schreckgespenster des vergangenen Jahres für die Verbraucher - gilt das auch für Bioprodukte?

Dosch: Wir müssen unterscheiden zwischen Verbraucher- und Erzeugerpreisen. Was der Landwirt für seine Rohstoffe bekommt, ist nicht das, was der Verbraucher nachher im Laden dafür zahlt. Preise, die Bio-Bauern für ihre Produkte bekommen, sind sehr eng gekoppelt an die Preisentwicklung in der konventionellen Landwirtschaft. Es gibt einen konventionellen Preis plus Bio-Aufschlag. Somit haben auch wir an den Preissteigerungen partizipiert. Aber das war aus betrieblicher Sicht dringend notwendig. Die Lebensmittelpreise sind bei uns im EU-Vergleich immer noch sehr moderat.

Sind Ihnen die Verbraucher also in Scharen davongelaufen?

Dosch: Grundsätzlich wissen wir, dass Verbraucher bereit sind, etwa 20 bis 30 Prozent höhere Preise zu akzeptieren im Vergleich zum konventionellen Preis. Der Anteil der Lebensmittelausgaben der Verbraucher ist aber nirgendwo in Europa so niedrig wie in Deutschland. Die Bundesbürger geben pro Jahr etwa 56 Euro für Bioprodukte aus. Das sind etwa 3 bis 3,4 Prozent der Gesamtprodukte für Lebensmittel. Das ist noch relativ verhalten.

Auf der anderen Seite hat der Biohandel in den letzten Jahren enorme Zuwachsraten bei den Umsatzzahlen gehabt, immer zweistellig. Dieser Trend hält nachhaltig an. Der Preisanstieg im letzten Jahr hat nicht dazu geführt, dass Bioprodukte weniger nachgefragt werden oder Umsätze eingebrochen sind. Im Gegenteil: Wir haben einfach nicht genügend Ware, um die Nachfrage bedienen zu können. Es fehlen Bauern, die auf Bio umsteigen und wir brauchen natürlich faire Preise, damit Bauern Bio wirtschaften können.

2009 soll es europaweit ein einheitliches Siegel für Bio-Lebensmittel geben - ein richtiger Schritt?

Dosch: So ein Zeichen gibt es ja schon. Jetzt soll aber ein neues Zeichen von Brüssel erstmals für die gesamte EU verpflichtend vorgeschrieben werden. Das ist aus deutscher Sicht überhaupt nicht sinnvoll. Der Verbraucher wird davon nur verwirrt. Ich gehe davon aus, dass dieses Zeichen das deutsche Sechseck letztlich verdrängen wird.

Verbraucherschützer machen sich für eine bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln stark, Sie auch?

Dosch: Der Verbraucher sollte jede Information bekommen, die er wünscht. Auf der anderen Seite muss man aufpassen und darf Kunden nicht mit Informationen überschwemmen. Mit einer Kennzeichnung wird auch immer wieder der Eindruck erweckt, es sei für alle Leute das Gleiche richtig und das Gleiche falsch. Das stimmt so nicht. Man muss die Menschen auch wieder dazu bringen, sich selbst damit auseinander zu setzen, welche "Mittel zum Leben" sie am Leben erhalten und welche sie essen wollen. Bei Ampelsystemen oder detaillierten Kennzeichnungen bin ich jedoch sehr skeptisch.

aus net-tribune vom 14. Januar 2008